Die „Köpenicker Blutwoche“ im Juni 1933

Undatierte Front- und Hinterhofansicht des Restaurants Demuth in der damaligen Elisabethstraße 23 (heute Pohlestraße 13), verwendet im Prozess von 1950. Die Gastwirtschaft der Familie Demuth war seit 1931/ 32 Sitz des SA-Sturmes 2 /15 unter Leitung von Herbert Scharsich. Archiv Gedenkstätte Köpenicker Blutwoche

Am 21. Juni 1933 vier Uhr morgens: Nachdem der Köpenicker SA-Sturmbann 15 in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt worden war, begannen die ersten systematischen Verhaftungen. Ganze Straßenzüge wurden abgesperrt und durchkämmt, Wohnungen von Sozialdemokraten und Kommunisten durchsucht. Vor dem Arbeitsamt in Köpenick verhafteten SA-Männer etwa 20 Arbeitslose und verschleppten sie. Darüber hinaus wurden gezielt Köpenicker Juden verhaftet.

Die Verhaftungen standen in Zusammenhang mit dem reichsweiten Verbot des Deutsch-Nationalen Kampfrings am selben Tag. Angeblich hatten Sozialdemokraten und Kommunisten die deutsch-nationalen Verbände unterwandert. Die NSDAP-Führung und der Berliner Gauleiter Joseph Goebbels nutzten das Verbot zugleich als Vorwand und Legitimation, um gezielt und systematisch gegen die organisierte Arbeiterbewegung vorzugehen und sich des deutsch-nationalen Koalitionspartners Schritt für Schritt zu entledigen. Am 22. Juni 1933 folgte das reichsweite Verbot der SPD. Die „Köpenicker Blutwoche“ war damit keine lokale SA-Terroraktion, sondern besaß aufgrund ihrer Einbettung in die reichsweite NS-Herrschaftssicherung eine überregionale Bedeutung.

Um sich der Verhaftung zu entziehen, schoss der Sozialdemokrat Anton Schmaus auf der Flucht drei SA-Männer des Köpenicker SA-Sturms 1/15 nieder. Die Gewalt eskalierte: Bis zum 26. Juni 1933 verschleppten und folterten SA-Männer vermutlich mehrere Hundert Menschen. Über 130 von ihnen sind bisher namentlich bekannt. Mindestens 23 Menschen starben, darunter der ehemalige Ministerpräsident von Mecklenburg-Schwerin, Johannes Stelling (SPD), sowie Georg Eppenstein, eines der ersten jüdischen Todesopfer in Berlin. Der konfessionslose Unternehmer und promovierte Chemiker Georg Eppenstein, der einer jüdischen Familie aus Berlin-Nikolassee entstammte, wurde am ersten Tag der „Köpenicker Blutwoche“ von SA-Männern verhaftet und im Sturmlokal „Demuth“ schwer misshandelt. Er erlag am 3. August 1933 seinen Verletzungen. Anton Schmaus selbst, der sich der Polizei gestellt hatte, wurde im Polizeipräsidium am Alexanderplatz von einem SA-Trupp unter Herbert Gehrkes Führung niedergeschossen und erlag der Verletzung sowie weiteren Misshandlungen durch die SA am 16. Januar 1934.

Das Köpenicker Amtsgerichtsgefängnis diente während der „Blutwoche“ als zentrale Haftstätte. Zahlreiche Menschen, die zuvor in die SA-Sturmlokale verschleppt worden waren, überführte die SA anschließend in das Gefängnis. Im dortigen Betsaal wurden sie erneut brutal misshandelt. Daneben gehörte das SA-Sturmlokal „Demuth“ in der Elisabethstraße 23 (heute Pohlestraße 13), das dem SA-Sturm 2/15 seit 1931/32 als Sitz diente, zu den zentralen Hafteinrichtungen während der „Köpenicker Blutwoche“. Die Verhafteten wurden auf dem Heuboden im Hinterhof martialisch gequält. An den Folgen der Misshandlungen im Lokal „Demuth“ starben mindestens acht Menschen.

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